09.01.2010 Schwäbische Zeitung: Im Raumschiff Berlin will Josef Rief Mensch bleiben
Text und Bild: Schwäbische Zeitung 09.01.2010/S.3
BERLIN - Einen Landwirtschaftsbetrieb mit 100 Muttersauen und Nachwuchs nennt Josef Rief sein Eigen. Dazu kommen Ackerland, Wald und eine kleine Imkerei. Dennoch zog es den Landwirtschaftsmeister von Kirchberg an der Iller nach Berlin. Dort vertritt er als neuer CDU-Abgeordneter den Wahlkreis Biberach.
Von unserer Redakteurin Claudia Kling
Jetzt muss sich Josef Rief erst einmal stärken. Seit heute Morgen um acht rennt er im Regierungsviertel hin und her – zur Ausschusssitzung, zu einem Pressegespräch und dann auch noch zu einem „Hammelsprung“ im Bundestag. „Man läuft hierhin und dahin, aber so richtig körperlich geschafft ist man am Ende vom Tag dann doch nicht“, sagt Rief. Deshalb geht er joggen, jeden Morgen vor der Parlamentsarbeit. Und das nicht nur zum Zwecke der körperlichen Ertüchtigung. Der 49-Jährige läuft auch gegen die Raumschiffatmosphäre an, die ihn in Berlin umgibt. „Wenn ich keinen Frühsport mache, sehe ich doch von der Stadt nichts anderes als mein Wohngebiet und das Parlamentsviertel. Das ist nicht gut.“
Im Alltag zu wenig Bewegung zu haben – eine ganz neue Erfahrung für Josef Rief. Denn Beruf und Bewegung war für den Landwirtschaftsmeister bis vor kurzem eins. Seit Generationen bewirtschaftet Riefs Familie einen Hof in Kirchberg an der Iller. Diese Tradition hat auch Josef Rief fortgesetzt, solange er sich nur ehrenamtlich für die CDU, die Landwirte und im Kirchenchor engagiert hat. Doch jetzt als Berufspolitiker, der 60 Prozent seiner Zeit in Berlin verbringt, schafft er das nicht mehr. Nicht einmal dann, wenn seine Frau und seine 74-jährige Mutter mit anpacken. „Ich habe jetzt einen festangestellten Verwalter“, sagte Rief. „Das beruhigt die Nerven.“ Aufgeben will er den Hof auf keinen Fall. „Wenn es mir in der Politik nicht mehr gefällt, habe ich immer noch meinen Betrieb. Das macht mich innerlich ruhig und sicher.“
Nach außen hin wirkt Josef Rief allerdings nicht ganz so ruhig. Der Bundestagsneuling hat viel zu erzählen, bedauerlicherweise nicht ganz so viel Zeit – und so sprudeln die Worte für oberschwäbische Verhältnisse nahezu rasant aus ihm heraus. Und er freut sich, dass er so reden kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. „Die Norddeutschen sagen, sie würden mich so schlecht verstehen, aber das ist egal“, sagte er und lacht. „Ich sage denen immer, ihr könnt von uns Oberschwaben viel mehr lernen als wir von Euch. Die wären doch total fertig ohne den Länderfinanzausgleich.“
In seinem Büro, das er samt Mitarbeitern von seinem Vorgänger Franz Romer übernommen hat, hängt ein Plakat mit dem bekannten Slogan „Wir können alles außer Hochdeutsch“. Er steht zu seiner Herkunft, ganz selbstbewusst.
Der Dialekt mag für andere ein Problem sein – Rief dagegen leidet vielmehr an den unendlichen Wortmengen, mit denen er in seiner neuen Tätigkeit tagtäglich konfrontiert wird. „Manche reden und reden, da denke ich manchmal, was der jetzt in einer halben Stunde gesagt hat, hätte man auch in drei Minuten sagen können. Das ist schon gewöhnungsbedürftig.“ Und ihn stört der Ton im Parlament. Die Diskussionen seien manchmal sehr persönlich verletzend, nahezu „brutal“, vor allem die Zwischenrufe. Die Vorstellung, dass ihm diese rüden Umgangsformen eines Tages nicht mehr auffallen könnten, gefällt ihm gar nicht. „Daran will ich mich überhaupt nicht gewöhnen.“ Sein Ausgleich dazu ist seine Heimat.
Am Freitagabend steigt Josef Rief in Berlin/Tegel ins Flugzeug nach Memmingen, fährt von dort 20 Minuten mit dem Auto nach Kirchberg, dann ist er zu Hause. Dort warten seine Frau, eine Historikerin, mit der er gerne über Geschichtliches debattiert, und seine drei Kinder auf ihn. Neun und acht sind die Buben alt, fünf das Mädchen. Und sie hängen an ihrem Vater, der oft so weit weg ist. „Wenn ich sie ins Bett bringe, streiten sie sich manchmal darum, wer am nächsten beim Papa liegen darf“, erzählt Rief. Das freut ihn – und es erinnere ihn immer wieder daran, was das Wichtigste im Leben sei: zwischenmenschliche Wärme.
Familie und Landwirtschaft
Familie, Landwirtschaft, ländlicher Raum – das sind die Lebensbereiche, für die sich Josef Rief in Berlin stark machen will. Deshalb ist er froh, dass er in den Verbraucher-, Ernährungs- und Landwirtschaftsausschuss hineinkam und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie im Gesundheitsausschuss wurde. „Da wollte ich hin, und das hat geklappt“, sagt Rief. Sein langfristiges Ziel: Der ländliche Raum soll ähnliche Chancen bekommen wie der städtische – „damit sich keine Landflucht entwickelt“. Auf seiner Agenda stehen deshalb Infrastrukturverbesserungen im ländlichen Raum – sei es im Straßen- und Schienenbau oder beim elektronischen Datenverkehr – sprich DSL-Ausbau. Und er will die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft erhalten. „In unserem Gebiet ist das nach wie vor der größte Erwerbszweig“, sagt Rief. „Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir die Bedingungen für die Bauern in Deutschland nicht so schlecht machen, dass sie nicht mehr mithalten können.“
Zu den krisengebeutelten Milchbauern hat der Landwirtschaftsmeister einen „guten Draht“. Man kennt sich seit Jahren über die Landjugend und den Bauernverband. Nach dem schwarzen Jahr 2009 glaubt Rief aber an eine „hoffnungsvollere Zukunft“. „Die Wirtschaftskrise sollte langsam überwunden sein.“ Als überzeugter Milchtrinker und Kaffeeabstinenzler tut er das Seine, um die Bauern zu unterstützen – allerdings nur, wenn er zu Hause ist. Denn in Berlin wird ihm H-Milch serviert, wenn er Milch bestellt. „Dann lieber nichts“, meint Rief. Auch ein Punkt, in dem die Weltstadt Berlin mit Oberschwaben einfach nicht mithalten kann.
Text und Bild: Schwäbische Zeitung 09.01.2010/S.3

